Donnerstag, 17. Mai 2018

Mahamudra: Offen und entspannt

Wach und präsent ruhen wir in der unmittelbaren Wahrnehmung. So erscheinen Entzücken und Knieschmerzen, Bergumrisse und Farben, Husten und Motorengeräusche, Kommentare und Erkenntnisse, Ängste und Freuden im offenen Raum des Gewahrseins, ohne Verstrickung, ohne Bewertung.

Offen und entspannt, lautet die Anweisung. Das heißt auch gelassen – und zwar liebevoll gelassen, soweit es uns möglich ist. Annehmend, auch wenn es infolge von Geräuschen oder Gefühlen oder Körperempfindungen unangenehm ist. Nicht anhaftend, auch wenn sich die Dinge angenehm anfühlen. Mit voller Zuwendung, auch wenn die Erfahrungen neutral sind, nicht besonders toll, aufregend oder mühsam. Es ist die uneingeschränkte Bereitschaft, mit allem frisch in Tuchfühlung zu bleiben – allzeit im Wandel, immerzu neu und wach dabei – ein flexibles Präsent-Sein, das wir immer wieder üben. Das klingt einfach, ist aber anspruchsvoll und kann nicht erzwungen werden. Deshalb gehen wir in Retreats. Deshalb heißt das Ganze auch »Praxis«.

siehe auch:
Meditation: Geistesruhe und Einsicht (Post, 07.03.2018)

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Vipassanā (pali „Einsicht“) bezeichnet im Buddhismus die „Einsicht“ in die Drei Daseinsmerkmale Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen (dukkha) und Nicht-Selbst (anatta).[1]
Der Übungsweg zur Entfaltung dieser Einsicht wird „Vipassana-Meditation“ (vipassanā-bhāvanā), „Einsichtsmeditation“ oder „Vipassana-Praxis“ genannt.[2] Vipassana-Praxis ist ein Weg, um das durch Nichtsehen (avijjâ) und Verblendung (kilesa) verursachte Leiden (dukkha) zu überwinden bzw. im Leben die Befreiung des Nirwana zu erlangen. Er wird auf einen Kommentar (Visuddhi-Magga) zu den im Pali-Kanon überlieferten Lehrredendes historischen Buddha zurückgeführt.
Die Vipassana-Praxis und das Erreichen ihrer Ziele ist grundsätzlich an keine Religionszugehörigkeit gebunden. Vipassana-Meditation wird auch von Nicht-Buddhisten geübt und gelehrt. Wesentlicher Teil der verschiedenen Schulungsmethoden ist die Übung von Achtsamkeit (sati). In der psychologischen Literatur wird Vipassana-Meditation gewöhnlich „Achtsamkeitsmeditation“ statt Einsichtsmeditation genannt.[3]
[Vipassana, Wikipedia, abgerufen am 08.03.2018]
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Der Mahamudra-Ansatz wird oft auch als die Essenz der Lehren Buddhas (Dharma) bezeichnet und mag in seinen drei Bedeutungsebenen unter günstigsten Umständen innerhalb einer einzigen Lebensspanne zur Erleuchtung führen. Die damit eintretende Erkenntnis wird auch als „Erkennen der höchsten Wirklichkeit“, „Erkennen der Natur des Geistes“ oder schlicht als „Erkennen der Buddha-Natur“ bezeichnet. In diesem vollkommenen Zustand sind alle dualistischen Geistes-Konzepte überwunden, die dauerhafte Erfahrung einer „absoluten Wirklichkeit“, gleichbedeutend mit „höchster Weisheit“ tritt ein.
Man findet in der klassischen tibetischen Literatur daher auch die Umschreibung, „bei Erlangung der Mahamudra trage alles das Siegel der absoluten Natur“ oder „alle Phänomene erscheinen als Elemente des Weisheits-Mandala des Geistes“. Diese Einsicht ist nicht verschieden von der Erkenntnis der im Herz-Sutra des Mahayana-Buddhismus beschriebenen Prajnaparamita, der sogenannten vollkommenen Weisheit, der höchsten Erkenntnis aller Buddhas.

[Mahamudra, Essenz der Lehren Buddhas, Wikipedia, abgerufen am 08.03.2018]


Die Lehre der Mahamudra basiert auf verschiedenen Stufen meditativer Praxis, den sogenannten „Vier Yogas der Mahamudra“:
1. Die Entwicklung eines einsgerichteten Geistes,
2. Die Transzendierung konzeptueller Vorstellungen,
3. Die Kultivierung der Sicht, dass alle Phänomene von grundlegend nichtdualer Natur, „ein Geschmack“ sind,
4. Die Frucht des Pfades, der jenseits der Anstrengung der Meditation liegt.
Es wird gesagt, dass durch diese vier Stufen der Praktizierende die vollständige Verwirklichung der Mahamudra erlangt.
[Mahamudra, Essenz der Lehren Buddhas, Wikipedia, abgerufen am 08.03.2018]
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Samstag, 12. Mai 2018

Wie die Sprache das Denken formt

Menschen leben in unterschiedlichen Kulturen und sprechen die verschiedensten Sprachen. Deren Strukturen prägen in ungeahntem Ausmaß die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen.

Pormpuraaw ist eine kleine Siedlung der Aborigines am Westrand der Halbinsel Cape York in Nordaustralien. Ich bitte ein fünf Jahre altes Mädchen, nach Norden zu zeigen. Ohne zu zögern, deutet sie in eine bestimmte Richtung. Mein Kompass bestätigt: Sie hat Recht. Nach meiner Rückkehr in die USA stelle ich dieselbe Frage in einem Hörsaal der Stanford University. Vor mir sitzen angesehene, mehrfach ausgezeichnete Gelehrte; manche besuchen seit 40 Jahren Vorträge in diesem Saal. Ich bitte sie, die Augen zu schließen und nach Norden zu zeigen. Viele weigern sich, weil sie keine Ahnung haben, wo Norden liegt. Die Übrigen denken eine Weile nach und deuten dann in alle möglichen Richtungen. Ich habe diesen Versuch nicht nur in Harvard und Princeton wiederholt, sondern auch in Moskau, London und Peking – stets mit demselben Resultat.
mehr:
- Linguistik – Wie die Sprache das Denken formt (Lera Boroditsky, Spektrum, 15.03.2012)

Mittwoch, 4. April 2018

Josef Rattner: Gentleman im kant'schen Sinne

Geburtstag Der Arzt und Psychotherapeut Josef Rattner hat den Personalismus ins 21. Jahrhundert gebracht. Heute wird er 90 Jahre alt 

Das 20. Jahrhundert hat uns – trotz und neben der Inhumanitäten totalitärer Ideologien und zweier Weltkriege – kulturelle Errungenschaften hinterlassen, von denen wir zukünftig zehren und die wir günstigenfalls weiter entwickeln werden. Dazu zählt auch der Personalismus, der durch Emmanuel Mounier (1905-1950) mit dessen 1932 gegründetem Journal Esprit, das er als „personalistisches Blatt im Kampf gegen die etablierte Unordnung“ verstand, bekannt wurde. Sein personalistisches Manifest (1936) war jenseits der Ismen (Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus, Nationalismus, Liberalismus) angesiedelt und stellte das Individuum (die Person) ins Zentrum seiner Überlegungen. Faschismus, Bolschewismus, der Zweite Weltkrieg und der darauf folgende Kalte Krieg ließ kulturelle Innovationen des 20. Jahrhunderts in Vergessenheit und verkümmern – so auch den Personalismus. Einer von wenigen, der die personalistische Tradition aufgegriffen, modifiziert und ins 21. Jahrhundert transponiert hat, ist Josef Rattner.

Rattner wurde am 4. April 1928 in Wien geboren. Nach dem sogenannten Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich 1938 ging seine Familie in die Schweiz, wo sie politisches Asyl erhielt. Ab 1947 studierte Rattner in Zürich Philosophie, Psychologie und Germanistik; sein Hang zum Generalisten- statt zum Spezialistentum war für diese Studienwahl mitentscheidend. Er hörte Philosophie bei Karl Barth und Wilhelm Keller; Emil Staiger, damals Papst der deutschsprachigen Literaturwissenschaft, war sein Lehrer in Germanistik. Seine Studien schloss er 1952 mit einer Dissertation bei Wilhelm Keller über Das Menschenbild in der Philosophie Martin Heideggers ab.

Seine psychotherapeutische, individualpsychologische Ausbildung und Lehranalyse erfuhr Rattner bei Friedrich Liebling. Liebling stammte aus Wien, wo er Alfred Adler persönlich erlebt hatte, und war 1938 in die Schweiz emigriert. Zusammen mit Liebling entwickelte Rattner in Zürich das Modell der Großgruppentherapie. Dabei kamen fünfzig und mehr Patienten und Zuhörer zusammen, die unter der Anleitung von Liebling und Rattner ihre persönlichen Probleme vortrugen.

Parallel zu seiner psychotherapeutischen Tätigkeit studierte Rattner von 1957 bis 1963 in Zürich noch Medizin. Dieses Studium schloss er mit einer preisgekrönten Promotion über Das Wesen der schizophrenen Reaktion ab. Sein Doktorvater war Manfred Bleuler, der damalige Leiter der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli (und Sohn des berühmten Psychiaters Eugen Bleuler, der als erster für die Erkrankung der Dementia praecox den Begriff Schizophrenie verwendet hatte).

mehr:
- Gentleman im kant'schen Sinne (Gerhard Danzer, Der Freitag, 04.08.2018)

Dienstag, 3. April 2018

Stress ist ansteckend – auch auf zellulärer Ebene

Die Traumen anderer können bei uns zu schwerwiegenden Symptomen führen

Dass man sich Emotionen und Stress bei seinen Mitmenschen "aufschnappen" kann, ist keine Imagination, sondern biochemisch messbar. Eine vor Kurzem in der Nature publizierte Studie zeigt, dass solch "übertragener" Stress in der Tat in gleichem Maße Spuren im Gehirn hinterlässt wie "echter" Stress.

Stress aktiviert neuronale Netzwerke, die das Individuum dazu befähigen sollen, auf Bedrohungen reagieren und überleben zu können. Selbst eine kurze Exposition mit einem Stressor löst langfristige Veränderungen an Synapsen aus. Für Menschen, Primaten und Nagetiere ist belegt, dass stressinduzierte Verhaltensweisen und hormonelle Veränderungen sich auf andere übertragen können. Auch dies macht evolutiv Sinn – den Gemütszustand unseres Gegenüber erfassen zu können, ist wichtig für den Aufbau sozialer Bindungen.

Soziale Übertragung synaptischer Veränderungen nach Stress


Bislang war nicht bekannt, ob übertragener Stress sich gleichartig auf Synapsen auswirkt wie selbst erlebter. Eine kürzlich in der Nature veröffentlichte Studie[1] beantwortet dies mit einem klaren "Ja".

Ein Forschungsteam aus Calgary studierte die zerebralen Auswirkungen von Stress an Pärchen von weiblichen und männlichen Mäusen, indem sie eine Maus von ihrem Partner trennten und moderatem Stress aussetzten. Nach Rückkehr zum Partner untersuchten sie bei beiden Mäusen die Reaktion einer spezifischen Population von Neuronen im Zwischenhirn, genauer den CRH-Neuronen des Nucleus paraventricularis (PVN). Diese steuern die zerebrale Reaktion auf Stress.


Das bemerkenswerte Ergebnis war, dass die CRH-Neurone der Partner, die selbst keinem Stress ausgesetzt waren, identische Veränderungen zu denen der tatsächlich gestressten Mäuse zeigten.[2]

mehr:
- Stress ist ansteckend – auch auf zellulärer Ebene (Esanum.de, 25.03.2018)

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Der Nucleus paraventricularis ist ein Kerngebiet im Hypothalamus, also im Zwischenhirn. Sein Name leitet sich von seiner Lage neben dem dritten Ventrikel ab.
Die großen Nervenzellen dieses Kerngebiets produzieren das Hormon Oxytocin und in geringeren Mengen Antidiuretisches Hormon. Darüber hinaus enthält dieses Kerngebiet auch kleine Kerne, die das Releasing-Hormon CRH sezernieren, dieses wird allerdings an der Eminentia mediana in den primären hypophysären Pfortaderkreislauf (Primärplexus) abgegeben.
Die Zellfortsätze (Axone) des Nucleus paraventricularis bilden zusammen mit denen des Nucleus supraopticus den Tractus hypothalamohypophysialis. Über diese Nervenbahn werden das Oxytocin und ADH in die Neurohypophyse transportiert, wo es zwischengespeichert und bei Bedarf an das Blut abgegeben wird.

[Nucleus paraventricularis, Wikipedia, abgerufen am 03.04.2018]
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Nucleus paraventricularis (Abb. gefunden bei Kenhub.com)

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Donnerstag, 22. März 2018

Supraleitung auf einem Möbius-Band

Supraleiter sind Materialien, deren elektrischer Widerstand beim Unterschreiten der sogenannten Sprungtemperatur (abrupt) auf null fällt. Die Supraleitung wurde 1911 von Heike Kamerlingh Onnes, einem Pionier der Tieftemperaturphysik, entdeckt. Sie ist ein makroskopischer Quantenzustand.[1]
Viele Metalle, aber auch andere Materialien werden unterhalb ihrer Sprungtemperatur – auch „kritische Temperatur“ Tc genannt – supraleitend. Für die meisten Materialien ist diese Temperatur sehr niedrig; um Supraleitung zu erreichen, muss das Material im Allgemeinen mit verflüssigtem Helium(Siedetemperatur −269 °C) gekühlt werden. Nur bei den Hochtemperatur-Supraleitern genügt zur Kühlung verflüssigter Stickstoff (Siedetemperatur −196 °C).
Im supraleitenden Zustand bleibt bzw. wird das Innere des Materials frei von elektrischen und magnetischen Feldern. Ein elektrisches Feld würde durch die ohne Widerstand beweglichen Ladungsträger sofort abgebaut. Magnetfelder werden durch den Aufbau entsprechender Abschirmströme an der Oberfläche verdrängt, die mit ihrem eigenen Magnetfeld das innere Magnetfeld kompensieren. Ein nicht zu starkes Magnetfeld dringt nur etwa 100 nm weit in das Material ein; diese dünne Schicht trägt die Abschirm- und Leitungsströme. Dieser „Meißner-Ochsenfeld-Effekt“ kann beispielsweise eine supraleitende Probe im Magnetfeld schweben lassen.
Der Stromfluss durch den Supraleiter senkt die Sprungtemperatur. Die Sprungtemperatur sinkt auch, wenn ein äußeres Magnetfeld anliegt. Überschreitet das Magnetfeld einen kritischen Wert, so beobachtet man je nach Material verschiedene Effekte. Bricht die Supraleitung schlagartig zusammen, spricht man von einem Supraleiter erster Art oder vom Typ I. Supraleiter zweiter Art dagegen (Typ II) haben zwei kritische Feldstärken, ab der niedrigeren beginnt das Feld einzudringen, bei der höheren bricht die Supraleitung zusammen. In dem Bereich dazwischen dringt das Magnetfeld in Form mikroskopisch feiner Schläuche zunehmend in den Leiter ein. Der magnetische Fluss in diesen Flussschläuchen ist quantisiert. Supraleiter vom Typ II sind durch ihre hohe Stromtragfähigkeit interessant für technische Anwendungen.
Technische Anwendungen der Supraleitung sind die Erzeugung starker Magnetfelder – für TeilchenbeschleunigerKernfusionsreaktorenMagnetresonanztomographieLevitation – sowie Mess- und Energietechnik.
[Supraleiter, Wikipedia, abgerufen am 06.04.2018]
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Superconducting Quantum Levitation on a 3π Möbius Strip {2:49}

Ithaca College Physics
Am 22.06.2016 veröffentlicht 
From the Low Temperature Physics Lab:
Quantum levitation on a 3π Möbius strip track! Watch the superconductor levitate above the track and suspend below the track, without having to go across the edge.
Our track is not an "ordinary" Möbius strip with just one twist, but rather a Möbius strip with three twists -- 540 degrees, or 3π radians, thus, a 3π Möbius strip track.
You can also check out the video we made that documents the building of the track, if you want to make your own: https://www.youtube.com/watch?v=OQkzX...
If you have more questions about the physics or how we made the track, leave a comment below!

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Ein MöbiusbandMöbiusschleife oder Möbius’sches Band ist eine Fläche, die nur eine Kante und eine Seite hat. Sie ist nicht orientierbar, das heißt, man kann nicht zwischen unten und oben oder zwischen innen und außen unterscheiden.
Es wurde im Jahr 1858 unabhängig voneinander von dem Göttinger Mathematiker und Physiker Johann Benedict Listing und dem Leipziger Mathematiker und Astronomen August Ferdinand Möbius beschrieben.[1]
[Möbiusband, Wikipedia, abgerufen am 06.04.2018]
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Mittwoch, 21. März 2018

Das Libet-Experiment: Untersuchungen über das Ich

Als Libet-Experiment wurde die Messung des zeitlichen Abstands bekannt, der zwischen Nervenaktivität im Gehirn, die einer bestimmten Handbewegung einleitend vorausgeht, und dem erst danach erfolgenden Bewusstwerden der dazugehörenden Handlungsentscheidung liegt. Der Physiologe Benjamin Libet führte die Versuchsreihen 1979 durch. Ihre Bedeutung für die Philosophie des Geistes war Gegenstand lebhafter Diskussionen. Noch heute wird das Experiment häufig in der Debatte über das Konzept der menschlichen Willensfreiheit angeführt.
[Libet-Experiment, Wikipedia, abgerufen am 21.03.2018]
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Siehe dazu auch:
- Die Libet-Experimente (©Michael Pauen, Philosophieverständlich, 03.05.2005)

The Libet Experiment: Is Free Will Just an Illusion? {1:55}

Am 29.07.2016 veröffentlicht
BBC Radio 4  
Are our 'conscious decisions' just reports on what is already happening? Narrated by Harry Shearer. Scripted by Nigel Warburton.
From the BBC Radio 4 series - A History of Ideas.
http://www.bbc.co.uk/programmes/b04bwydw
This project is made in partnership with The Open University http://www.open.edu/openlearn/history...
and the animations were created by Cognitive.

siehe auch:
- Friedrich Nietzsche: Es denkt (Eric Schumacher, ZEITBlog, 20.11.2013)
- Die Außenperspektive – Das psychophysische Problem (in: Dieter Sturma, Philosophie des Geistes: Grundwissen Philosophie, ©2005, 2016 Philipp Reclam jun., Stuttgart, GoogleBooks)

Freitag, 9. März 2018

Die Theorie der Psychoanalyse

Zwei Eigenschaften der Theorie von Sigmund Freud machen es schwer, sie in diesem Rahmen verständlich zusammenzufassen:
Sie ist erstens sehr umfangreich. Man kann kaum Teile weglassen, ohne daß dadurch nicht andere Teile unverständlich werden. Alles hängt mehr oder weniger stark miteinander zusammen.
Und zweitens ist sie sehr komplex. Man kann auch "abstrakt" oder "kontraintuitiv" sagen. Sie erklärt menschliches Verhalten mit Begriffen, die mit unserer alltäglichen Erfahrung sehr wenig zu tun haben. Das ist freilich nichts Schlechtes. Ähnlich versuchte ja auch der Behaviorimus, eine eigene Sprache zur Erklärung menschlichen Verhaltens zu finden, die der übermächtigen Alltagssprache möglichst fernliegt. So werden wir bei der Theorie von Hull (im nächsten Abschnitt) sehen, daß diese kaum weniger umfangreich geraten ist als Freuds - wenn auch wenigstens nicht so komplex.

Wie gehen wir also vor? Um einen ersten Eindruck zu bekommen, schauen wir uns einen Gliederungsversuch der psychoanalytischen Theorie von D. Rapaport an. Er gibt sie anhand von acht Grundannahmen (Axiomen) wieder:

1. Das Objekt der Psychoanalyse ist Verhalten. Sie zeichnet sich durch die Annahme einer psychologischen Determiniertheit von allem Verhalten aus, d.h. alles Verhalten ist motiviert, nichts passiert zufällig. Freud braucht für diesen Determinismus die Annahme von unbewußten Prozessen (s. Axiom 5).
2. Jedes Verhalten ist unteilbar, ist also mehrfach determiniert, nicht einfach nur Verhalten einer Instanz.
3. Kein Verhalten ist isoliert. Alles Verhalten ist Teil der unteilbaren Persönlickeit.
4. Alles Verhalten ist Teil einer genetischen Reihe.
5. Die entscheidenden Determinanten des Verhaltens sind unbewußt.
6. Alles Verhalten ist letzten Endes triebbestimmt.
7. Alles Verhalten führt seelische Energie ab und wird durch seelische Energie reguliert.
8. Alles Verhalten hat strukturelle Determinanten, ist durch Konflikte bestimmt.

So weit ein erster Überblick, der natürlich nicht zu tieferem Verständnis führen kann. Fangen wir also irgendwo an. Am besten bei den Trieben (vgl. Axiom 6), denn diese sind es ja, die für die Motivationspsychologie von besonderem Interesse sind.

mehr:
- Die Theorie von Freud (Psychologie Uni Heidelberg)

Also:
1. Es gibt ein Unbewußtes
Der Leser wird besser verstehen, welche besondere Bedeutung die frühe Kindheit für die Psychoanalyse hat, wenn wir auf den Grundpfeiler der psychoanalytischen Lehre, auf das Unbewußte und seine spezifische Dynamik verweisen; denn ein Hauptcharakter des Unbewußten ist die Beziehung zum Infantilen – das Unbewußte ist das Infantile (Freud, VII, 401). Mit der Entdeckung des Unbewußten hat Freud die Vorstellung, die sich die Philosophie und klassische Psychologie vom psychischen Geschehen machten, grundlegend revolutioniert. Die große Bedeutung dieser Entdeckung – die nicht ein Postulat, sondern das Ergebnis von systematischen Beobachtungen darstellt – wird erst verständlich, wenn wir uns in Erinnerung rufen, daß bis zu seiner Zeit »bewußt« und »psychisch« identisch waren (Freud, XIV, 57), man das Bewußtsein für das wesentliche Regulationssystem hielt, welches, in der Kindheit nur unvollständig ausgebildet, im Laufe der Jugendjahre seine Reife erlangt und die Grundlage für alles seelische Erleben darstellt. Neben dieser formalen Organisation existiert ein Gefühlsleben, welches seine eigenen Gesetze hat und von den Prinzipien der Bedürfnisse und Leidenschaften beherrscht ist. Mit der Freudschen Erkenntnis kam es zu einer Umkehrung der herkömmlichen Denkkategorien und dadurch zu einer tief gehenden Verunsicherung des Menschen. Freud konnte zeigen, daß das Unbewußte die Basis allen seelischen Erlebens ist. Das grundsätzliche Infragestellen der Macht des Verstandes und des Bewußtseins und die Existenz des Unbewußten bedeutet für den Menschen eine schwer erträgliche Verunsicherung, nämlich nicht Herr im eigenen Hause zu sein, seine Gefühle und Phantasien letztlich nicht mit der Kraft des Verstandes beherrschen zu können.
[aus: Jochen Stork, Die seelische Entwicklung des Kleinkindes aus psychoanalytischer Sicht; in: Dieter Eicke (Hrsg.), Tiefenpsychologie, Bd. 2, Beltz Verlag, Weinheim und Basel 1982, S. 131ff. – Hervorhebungen von mir]
2. »In« diesem Unbewußten »arbeiten« drei Instanzen (von Freud in seinem ersten topischen Modell »Systeme« genannt, s.u.)
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Die Unterscheidung zwischen dem Bewusstsein und dem Unbewussten ist grundlegend für die Psychoanalyse. Der deskriptive Begriff des Unbewussten hat zwei Bedeutungen. Er bezieht sich einerseits auf Vorstellungen, die aktuell nicht im Bewusstsein sind, die aber jederzeit bewusst werden können. Er bezieht sich außerdem auf Vorstellungen, die durch eine Kraft daran gehindert werden, bewusst zu werden, durch den Widerstand des Ichs. Freud nennt die erste Art des Unbewussten das Vorbewusste. Nur die zweite Art des Unbewussten, das nicht nur deskriptiv, sondern auch dynamisch Unbewusste, ist das Unbewusste im Sinne der Psychoanalyse.
Die Verdrängung und damit die Neurose vollzieht sich keineswegs, wie Freud zunächst angenommen hatte, im Verhältnis zwischen einem verdrängenden Bewusstsein und einem verdrängten Unbewussten. Die verdrängende Instanz ist vielmehr das Ich, und für dieses Ich gilt, dass es in wesentlichen Teilen unbewusst ist. Vom Ich geht der Widerstand gegen die Aufhebung der Verdrängung aus, und dieser Widerstand ist dem Ich weitgehend unbewusst. Demnach gibt es neben dem Vorbewussten und dem Verdrängten noch eine dritte Art des Unbewussten. Damit scheidet die Möglichkeit aus, die Opposition von Bewusstem und Unbewusstem zur Unterscheidung der verschiedenen Bereiche des Seelenlebens zu verwenden. Zur Verarbeitung dieser Einsicht entwirft Freud eine neue Konzeption des psychischen Apparats.
[Das Ich und das Es, Bewusstsein und Unbewusstes (Teil I), Wikipedia, abgerufen am 06.5.2018] 
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Freuds Zeichnung im Buch
"Das Ich und das Es" von 1923.
Freud nimmt an, dass der psychische Apparat aus verschiedenen Teilen besteht – „Instanzen“ oder „Systemen“ –, und er erklärt die Beziehungen zwischen den Teilen des Apparats mit Hilfe eines räumlichen Modells, einer Topik (vom griechischen Wort topos für: „Ort“). In Das Ich und das Es illustriert er diese Topik mit Hilfe einer Zeichnung. Ein anderes Raummodell des Psychischen hatte Freud bereits 1900 in der Traumdeutung vorgelegt; das in Das Ich und das Es entwickelte Strukturmodell wird deshalb häufig als zweite Topik bezeichnet.
Das psychische Individuum ist ein Es, dem ein Ich oberflächlich aufsitzt. Den Begriff des Es übernimmt Freud ausdrücklich von Georg Groddeck[1]; das substantivierte Personalpronomen soll bei Groddeck darauf verweisen, dass wir von unbekannten, unbeherrschbaren Mächten „gelebt“ werden. Für Freud ist das Es ein „quantitativ-qualitativ Anderes im seelischen Ablauf“ (S. 291), es ist unbewusst, in ihm herrscht uneingeschränkt das Lustprinzip. Zum Es gehören die Empfindungen und Gefühle, die von den Trieben ausgehen; es ist der Stammsitz der Triebenergie, darunter der Libido; alle Ich-Libido ist sekundär. Vom Es gehen die Objektbesetzungen aus. Da die Triebe miteinander im Konflikt liegen, ist das Es der Ort widerstreitender Empfindungen, Gefühle und Objektbesetzungen. Das Es ist auch der Ort des Verdrängten (in der Zeichnung „Vdgt“), also von Vorstellungen, die durch den Widerstand des Ichs daran gehindert werden, bewusst zu werden.
[Das Ich und das Es, Das Ich und das Es (Teil II), Wikipedia, abgerufen am 06.05.2018] 
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Der psychische Apparat nach Freuds zweitem Modell
Das Strukturmodell der Psyche, auch Drei-Instanzen-Modell genannt, ist ein von Sigmund Freud beschriebenes Modell der Psyche des Menschen. Danach besteht sie aus drei Instanzen mit unterschiedlichen Funktionen: dem Es, dem Ich und dem Über-Ich.
Freud arbeitete dieses topische Modell erstmals 1923 in seiner Schrift Das Ich und das Es aus. Das Modell wird auch als zweite Topik oder zweites topisches Modellbezeichnet.
Zur genaueren Beschreibung mit Schwerpunkt auf Entwicklung dieses Instanzenmodells siehe Das Ich und das Es.
[Strukturmodell der Psyche, Wikipedia, abgerufen am 06.03.218]
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Erstes topisches Modell:drei SystemeZweites topisches Modell:
drei Instanzen
- System Unbewußt (Ubw)
- System Vorbewußt (Vbw)
- System Bewußt (Bw)
- Es
- Ich
- Über-Ich
[aus: Die Theorie von Freud (Psychologie Uni Heidelberg)]

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Mit ihrem 1936 erschienenen Buch Das Ich und die Abwehrmechanismen schuf Anna Freud ein Grundlagenwerk auf dem Gebiet der Ich-Psychologie, das heute zur Standardliteratur der Psychoanalyse zählt. Es beschreibt zehn aus der psychoanalytischen Literatur bekannte AbwehrmechanismenVerdrängungRegressionReaktionsbildung, Isolierung, Ungeschehenmachen/Verleugnung, ProjektionIntrojektionWendung gegen die eigene Person, Verkehrung ins Gegenteil, Verschiebung des Triebziels (Sublimierung).
Anna Freud fügt diesen aus der eigenen Beobachtung und Praxis gewonnene komplexe Abwehrtypen hinzu, die als Mischformen gelten können: die Identifikation mit dem Aggressor (Introjektion und Projektion) sowie die altruistische Abtretung (Projektion und Identifizierung). Der Begriff altruistische Abtretung stammt von Edward Bibring.[12] Anna Freud schreibt hierzu: „Das schönste und ausführlichste Beispiel einer solchen altruistischen Abtretung an das geeignetere Objekt findet sich in dem Schauspiel Cyrano de Bergerac von Edmond Rostand.“[13]
Zitate aus Das Ich und die Abwehrmechanismen:
„Die Entstehung der psychoanalytischen Lehre aus der Neuroseforschung macht es verständlich, dass die analytische Beobachtung vor allem immer auf den inneren Kampf zwischen Trieb und Ich gerichtet war, dessen Folgezustände die neurotischen Symptome sind. Die Arbeit des kindlichen Ichs zur Unlustvermeidung in direkter Gegenwehr gegen die Eindrücke aus der Außenwelt gehört der Normalpsychologie an. Ihre Folgen sind vielleicht schwerwiegend für die Ich- und Charakter-Bildung, aber sie sind nicht pathogen. Wo immer wir diese Ich-Leistung in klinischen analytischen Arbeiten geschildert finden, erscheint sie deshalb nicht als das eigentliche Objekt der Untersuchung, sondern ist immer nur ein Nebenprodukt der Beobachtung.“[14]
„Aber auch dort in der infantilen Neurose, wo die Abwehr aus Realangst [d. h. Angst vor der Außenwelt] erfolgt war, hat die analytische Therapie sehr gute Aussicht auf Erfolg. Am einfachsten und unanalytischsten ist der Versuch des Analytikers, nach Rückgängigmachen des Abwehrvorgangs im Kind selbst, die Realität, nämlich die Erzieher des Kindes, so zu beeinflussen, dass weniger Realangst vorhanden ist.“[15]
[Anna Freud, Leistungen, Wikipedia, abgerufen am 06.03.2018]
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Zu den Abwehrmechanismen siehe:
- Abwehrmechanismen Tabellarische Übersicht (Gerald Mackenthun, direkter PDF-Download)
- Abwehrmechanismen (N. Grünherz, Weiterbildungsverbund Ruhrgebiet, 2013, PDF-Version einer Präsentation)
x siehe auch:
- Die Psychoanalyse – Eine Konflikttheorie (in: Peer Kutter, Thomas Müller, Psychoanalyse: eine Einführung in die Psychologie unbewusster Prozesse, Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 17ff, Googlebooks)
- Die Psychoanalyse Sigmund Freuds (Arthur Brühlmeier, PDF-Version)
- Ichpsychologie (Ich-Psychologie, Ego Psychology) (Dunja Voos, Medizin im Text, 01.03.2014)