Mittwoch, 30. November 2016

Hirn und Schwanz…

Forscher vermuten, dass intelligentere Tiere unerwünschte Begattungen besser vermeiden können
Die an den Universitäten Stockholm, Zürich und Canberra forschenden Biologen Alexander Kotrschal, Niclas Kolm, Séverine Buechel, Isobel Booksmythe und Michael Jennions haben in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the Royal Society einen Aufsatz mit Ergebnissen einer Studie mit amerikanischen Moskitofischen (Gambusia holbrooki) veröffentlicht, der den aufmerksamkeitstauglichen Titel "Artificial selection on male genitalia length alters female brain size" trägt.

Um herauszufinden, welche Männchen Moskitofischweibchen bevorzugen, züchteten die Wissenschaftler gezielt zwei unterschiedliche Gruppen von Moskitofischmännchen: Für die erste, wurden Tiere ausgewählt, die einen besonders langen Flossenpenis hatten - für die andere solche, bei denen das Geschlechtsorgan besonders kurz war. Damit konfrontiert, zeigten die Weibchen keine erkennbare Vorliebe für eines der beiden Modelle - dafür konnten die Forscher einen anderen Effekt beobachten:

Die Weibchen, die mit Moskitofischen mit langen Penissen konfrontiert wurden, entwickelten mit der Zeit durchschnittliche größere Gehirne. Aufgrund der statistischen Ausprägung sehen die Forscher diese Entwicklung nicht als Zufall an, sondern glauben an einen evolutionären Hintergrund: Intelligentere Weibchen mit größeren Gehirnen können ihrer Meinung nach unerwünschten Begattungen besser ausweichen. Solche Begattungen nehmen Moskitofischmännchen überraschend von hinten vor, weshalb ein längerer Penis dabei potenziell von Vorteil ist.

mehr:
- Bei Moskitofischen wächst das Gehirn der Weibchen mit der Penislänge der Männchen (Peter Mühlbauer, Telepolis, 28.11.2016)

Montag, 28. November 2016

Affenweibchen fördern aggressives Verhalten von Männchen

Beobachtung von Grünmeerkatzen zeigt, dass die weiblichen Tiere positive und negative Verstärker einsetzen, um die männlichen zur Teilnahme an Gruppenkämpfen zu bewegen
In einer in der aktuellen Ausgabe der Proceedings of the Royal Society erschienenen Studie mit dem Titel "Female monkeys use both the carrot and the stick to promote male participationin intergroup fights" zeigen die Schweizer Forscher Jean Marie Arseneau-Robar, Anouk-Lisa Taucher, Eliane Müller, Carel van Schaik, Redouan Bshary und Erik Willems, dass Grünmeerkatzenweibchen in Südafrika Kämpfe zwischen männlichen Artgenossen nicht nur passiv dulden, sondern Männchen aktiv dazu motivieren, mit anderen Männchen zu kämpfen.

Friedliebende Männchen werden demonstrativ ignoriert oder aggressiv zurückgewiesen
Diesen Anreiz schaffen sie sowohl mit "Zuckerbrot", als auch mit der "Peitsche": Als positiven Verstärker widmen sie Männchen, die sich an solchen Kämpfen beteiligen, bei der Fellpflege und bei anderen sozialen Aktivitäten deutlich mehr Aufmerksamkeit als solchen, die sich heraushalten. Letztere werden mit negativen Verstärkern konfrontiert, indem man sie demonstrativ ignoriert oder aggressiv zurückweist. Dadurch sinkt ihr Status innerhalb der Gruppe.

Beides scheint den Wissenschaftlern zufolge "ein sozialer Anreiz zu sein, der die Teilnahme der Männchen in Kämpfen zwischen Gruppen antreibt". Daran nehmen dann nicht nur solche Männchen überdurchschnittlich oft teil, die vorher besondere Zuwendung von Weibchen erfuhren, sondern auch solche, die man aggressiv zurückgewiesen hatte.

Anders als bei individuellen Revierkämpfen zwischen Hirschen oder Löwen geht es bei diesen Kämpfen zwischen Grünmeerkatzengruppen nicht direkt um einen Begattungszugang, sondern um Nahrung. Waren die Nahrungsressourcen, um die es ging, besonders wertvoll, setzten die Affenweibchen dem Eindruck der Wissenschaftler nach positive und negative Verstärker besonders oft ein.

mehr:
- Affenweibchen fördern aggressives Verhalten von Männchen (Peter Mühlbauer, Telepolis, 26.11.2016)

Sonntag, 27. November 2016

"Befriedigst du dich besser?"

Fast alle Männer masturbieren, nun holen auch die Frauen auf: Wie gut kann Solosex sein und wo ist die Gefahr zur Sexsucht? Der Sexualtherapeut Ulrich Clement klärt auf.
mehr:
- "Befriedigst du dich besser?" (Wenke Husmann im Gespräch mit Sexualtherapeut Ulrich Clement)

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Im Jahr 1712 erschien in England das vermutlich von dem geschäftstüchtigen Quacksalber und Schriftsteller John Marten geschriebene und anonym veröffentlichte Pamphlet Onania: or, the Heinous Sin of Self-Pollution[23] („Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung“), das nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde und große Verbreitung erfuhr. Darin wurde behauptet, dass exzessive Masturbation vielfältige Krankheiten wie Pocken und Tuberkulose verursachen könne. Bezeichnend ist, dass John Marten gleichzeitig zahlreiche kleinere softpornografische Schriften veröffentlichte und in Onania eine von ihm erfundene „Medizin“ gegen die angeblich aus der Masturbation resultierenden Krankheiten anbot. Selbst die großen Aufklärer der Zeit glaubten dem anonym veröffentlichten Werk. Denis Diderot nahm die fragwürdigen Thesen unter dem Artikeltitel Manstupration ou Manustupration[24] sogar in seine Encyclopédie auf.
Im 18. und 19. Jahrhundert fand in der Folge in ganz Europa geradezu ein „Feldzug gegen die Masturbation“ statt. Es erschienen unzählige wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen, die die angeblichen Gefahren der Masturbation anprangerten und Methoden zu ihrer Verhinderung anboten. Als Standardwerk kann die ab 1760 in unzähligen Auflagen verbreitete Schrift L'Onanisme. Dissertation sur les maladies produits par la masturbation.[25] (Die Onanie. Abhandlung über Krankheiten durch Masturbation) des Lausanner Arztes Simon-Auguste Tissot gelten.Erst von jener Zeit an wurde die betreffende Bibelstelle über Onan nicht mehr als Coitus interruptus begriffen.
Falsche Vorstellungen kursierten über Jahrhunderte, dass „Selbstbefleckung“[26] die gesunde geschlechtliche Entwicklung eines Knaben behindere und zur Gehirnerweichung und zum Rückenmarksschwund führe. Auch KrebsWahnsinn oder Lepra sollten angeblich die Folge der Masturbation sein. Erst nachdem Robert Koch 1882 den Tuberkelbazillus entdeckte, behaupten die Mediziner nicht mehr, dass Masturbieren Tuberkulose hervorrufe.Neben gesundheitlichen Gefahren wurden auch moralische Argumente gegen die Masturbation vorgebracht: sie sei egoistisch, verleite zur Disziplinlosigkeit, stelle ein „nutzloses Vergnügen“ dar und wurde mitunter als „sexueller Missbrauch“[27] bezeichnet. Die Masturbation fördere die Abkapselung des Masturbators von der Gesellschaft, da er zu seiner sexuellen Befriedigung keinen Partner benötigt.
Sigmund Freud befasste sich eingehend mit der Masturbation als Ursache neurotischer Erkrankungen, insbesondere der Neurasthenieals sogenannter Aktualneurose. Kindliche Masturbation sah er je nach Stand seiner Theorieentwicklung als Ausdruck einer vorhergehenden Verführung des Kindes oder im Rahmen der Theorie der infantilen Sexualität als spontanes, entwicklungsbedingtes Geschehen an. Gelegentlich bezeichnete er die Masturbation als die Ursucht, an deren Stelle später andere, erwachsenentypische Süchte wie das Rauchen etwa träten. Als suchthaftes Verhalten aber spiele sie auch eine ungeheure Rolle im Verständnis der (als Psychoneurose beurteilten) Hysterie.[28] Die Frage der Schädlichkeit der Onanie war um 1912 Gegenstand einer Debatte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung; Freud wendete sich resümierend gegen eine grundsätzliche Verharmlosung: In der Neurasthenie als direkte Folge, aber auch durch Verminderung der Potenz, Verweichlichung des Charakters durch Fixierung auf phantasierte Befriedigung statt realer Anstrengung und Stagnation der allgemeinen psychosexuellen Entwicklung disponiere die Selbstbefriedigung zur Neurose.[29]
Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war der Glaube weit verbreitet, dass Akne durch Masturbation hervorgerufen werde. Die Hypothese konnte sich wohl deshalb so lange halten, weil Jugendliche in der Pubertät fast immer unter Akne leiden und gleichzeitig in der Pubertät auch häufig masturbieren (siehe auch Cum hoc ergo propter hoc). Bis in die 1980er Jahre wurde Masturbation auch in medizinischen Kreisen gelegentlich als unreife, im Erwachsenenalter als pathologische Form der Sexualität betrachtet.[30] [Masturbation, Medizingeschichtlich, Wikipedia, abgerufen am 27.11.2016]
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siehe auch:
- Die Verteufelung der Masturbation (Anonymous, DasBiber, 18.03.2010)
- Die konstitutionelle Neurasthenie (G. Aschaffenburg in: Hans Curschmann, Lehrbuch der Nervenkrankheiten, Springer, 1909, S. 778ff., GoogleBooks)
Ätiologie.   Die allgemeine Nervosität beruht auf einer angeborenen Disposition. Dieser Tatsache wird man sich in den meisten Fällen schwerlich verschließen können, wenn man die Lebensgeschichte der nervösen bis in die früheste Kinderzeit hinein verfolgt. Wir finden dann fast regelmäßig schon in einem sehr frühen Alter, in dem äußere Schädigungen ausgeschlossen sind, nervöse Symptome, deren Auftreten nur verständlich ist, wenn wir annehmen, dass der Nervosität dieser Kinder eine konstitutionelle Eigenart darstellen. Sehr viel schwerer ist es, den statistischen Nachweis der angebotenen Degeneration aus der Vorgeschichte der Eltern zu führen. Zu absolut brauchbaren Zahlen wird man nie kommen können. Nur zu häufig stellen die Angehörigen nervöse Erkrankungen in Abrede, auch da, wo in reichlischstem Maße Erkrankungen vorgelegen haben.
Mit der einfachen Feststellung, dass in einer Familie nervöse Erkrankungen vorgekommen sind, ist das Rätsel der psychopathischen Konstitution noch nicht gelöst. Dafür sehen wir zu oft in schwer degenerierten Familien einzelne Glieder sich völlig normal entwickeln, und umgekehrt stammen aus scheinbar gesunden Familien oft schwer entartete Menschen. In manchen dieser Fälle wird man nicht fehlgehen in der Annahme, dass zur Zeit der Zeugung irgendwelche schädigenden Ereignisse sich abgespielt haben. Ich erinnere hier nur an den gefährlichen Einfluss eines Rausches zur Zeit der Konzeption. Auch während der Schwangerschaft können Erkrankungen die Gesundheit der Mutter zu untergraben, dass die Entwicklung der Frucht darunter notleidet.

 - Christians Explain the Dangers of Masturbation (AtheistMediaBlog, 02.08.2015)

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Der Philosoph der Aufklärung Immanuel Kant sah Selbstbefriedigung als eine sittliche Verfehlung. Für ihn war der natürliche Zweck des Sexualtriebes, dem nicht zuwider gehandelt werden dürfe, die Fortpflanzung. In seiner Metaphysik der Sitten legt er dar, dass die „wohllüstige Selbstschändung“ (d. h. die Masturbation) eine Verletzung der Pflicht des Menschen gegen sich selbst sei, weil er seine eigene Persönlichkeit aufgebe, indem er sich selbst als reines Mittel zur Befriedigung seiner Triebe gebrauche.[5]Diese Selbstaufgabe erfordere nicht einmal Mut, sondern nur ein Nachgeben gegenüber dem Trieb, und wird deshalb von Kant als noch schlimmeres moralisches Vergehen bewertet als der  Selbstmord [Selbstbefriedigung, Philosophisch, WikiBooks, abgerufen am 27.11.2016]
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- Masturbation, Viele machen’s, keiner sagt’s (Ottilia Becker, Top-Impotenz-Hilfe, 20.02.2014)
- Onans Sünde und die Bekämpfung des Lasters (Riccardo Castrovilli, LenkerundDenker, 20.08.2010)
- Kinsey, mein Held (Oswalt Kolle, n24, 18.03.2005)

Günther Amendt R.I.P [2:39]

FeuerloescherTV Networx Hochgeladen am 15.03.2011 
Zur Erinnerung an Günter Amendt: ein Videoschnipsel aus dem Jahre 2000 im Schanzenpark auf dem Hamburger Hanffest.(im Anschluss an seinen Vortrag "No Drugs - No Future" im Museum für Völkerkunde.) Günter Amendt starb am 11.03.2011
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Freitag, 25. November 2016

Stop The Bullying

Is Barron Trump Autistic? #StopTheBullying [7:05]

James Hunter Veröffentlicht am 11.11.2016 
Donald Trump's youngest son Barron Trump might be autistic, and it's time for people to stop bullying him for his "strange" behavior. Let's follow Melania Trump and #StopTheBullying.

Donnerstag, 24. November 2016

Von wegen: "Spatzenhirn"

Dass Vögel erstaunliche Intelligenzleistungen vollbringen, verdanken sie einem effizient konstruierten Gehirn
Diogenes war kein Biologe, aber er hatte einen Blick für das Wesentliche. Als Platon definierte, der Mensch sei ein "Zweibeiner ohne Federn", rupfte er einen Hahn und präsentierte ihn als "Platons Menschen" (woraufhin Platon seinerseits einen beachtlichen Blick für biologische Merkmale bewies und ergänzte: "mit flachen Nägeln" - solche kennzeichnen tatsächlich die Primaten).

Einig scheinen sich die beiden Streithähne immerhin darin gewesen zu sein, dass man die Unterschiede zwischen Menschen und Vögeln vorwiegend in den hornigen Anhängen der Haut zu suchen habe. Und damit waren sie, vor ungefähr 2400 Jahren, bemerkenswert modern.

Denn während einerseits Primatenforscher wie Michael Tomasello laufend ungeahnte Lücken in den geistigen Fähigkeiten unserer nächsten äffischen Verwandten aufdecken, nutzen die geflügelten Zweibeiner ebenso regelmäßig die aufkommende peinliche Stille, um sich mit ihren Fähigkeiten zu profilieren. Zum Beispiel das Zeigen: Es gilt als grundlegende Fähigkeit für die Entstehung von Sprache und einer "Theory of Mind", also einer Vorstellung davon, dass und was ein Anderer denkt. Menschenaffen zeigen nie etwas, außer allenfalls die Stelle auf ihrem Rücken, an der sie gekratzt werden wollen. Wenn sie etwas wollen, holen sie es sich. Wenn ihnen jemand etwas zeigt, trauen sie ihm nicht.

Elstern hingegen - unter Menschen nicht eben als vertrauenswürdig bekannt - zeigen einander einen Feind. Raben zeigen einander Nistmaterial. Der bemerkenswerte Graupapagei Alex war sogar imstande, die Farbe eines Gegenstandes zu nennen, den seine Trainerin Irene Pepperberg ihm zeigte.

mehr:
- Von wegen: "Spatzenhirn" (Konrad Lehmann, Telepolis, 22.11.2016)

Dienstag, 1. November 2016

Liebe muß zwangsläufig frustriert werden…

Aus Versuchen, Möbelstücke eines schwedischen Einrichtungshauses zusammenzubauen, weiß man, dass der Texttypus der Gebrauchsanleitung im Prinzip der Peripetie wurzelt: Übersichtlichkeit schlägt vor dem geistigen Auge von einer Sekunde zur nächsten in Gewusel um. Sonnige Ordnung in den Sturm des reinsten Chaos. Man hat am Ende kein Möbel. Aber die Erkenntnis gewonnen, dass der Grad der Systematik einer Gebrauchsanleitung nichts anderes ist als ein Barometer für das Durcheinander, das man sich ins Haus geholt hat.

Auffallend ähnlich verhält es sich mit mit Sachbüchern über die Liebe. Je enger sie sich an die Form der Gebrauchsanleitung halten, desto stärker erwecken sie den Verdacht, zu diesem Mittel gliedernder Vernunft nur deshalb zu greifen, weil sie fürchten, von der Anarchie ihres Themas überrollt zu werden. Ein Buch, das den Titel Der Beziehungsführerschein. Mit Simply Love auf Dauer glücklich trägt und ein ausgefeiltes psychologisches Curriculum der Eherettung enthält, kommt im Grunde genommen als Kampfansage gegen den Kollaps im emotionalen Verkehrswesen daher, ohne den es die Liebe aber nun mal nicht gäbe.


Es ist ein Buch, das Anleitung und Ratschlag zum Dogma erhebt: Jeder Trottel kann einen Ikea-Schrank zusammenbauen. Er muss nur wollen! Jede Ehe kann funktionieren. Die Eheleute müssen nur dauerhaft, konsequent und effizient an ihr und ihrer Liebe arbeiten! Das kann ja sein. Viele der Ratschläge, die die Autorin Katja Sundermeier, eine Psychologin mit reichlich Erfahrung im Beraten, Coachen, Therapieren von (Ehe-)Paaren, unterbreitet, sind für Leute, die beim morgendlichen Zähneputzen schon mit der Brüllerei anfangen, bestimmt sehr gesund. Nur zieht die Sprache der Erfolgsrationalität, die von Haus aus jede Gebrauchsanleitung beherrscht, der Liebe, von der auf jeder Buchseite die Rede ist, und ihren speziellen Obsessionen den Boden unter den Füßen weg.
mehr:
- Bringen Sie Ordnung in Ihr Gefühlsleben! (Ursula Maerz, ZON, 27.10.2005)

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Die Fähigkeit zur Selbstreflexion

In einem Interview äußert sich Gadamer über den Meister-Philosophen Heidegger: "Er war der unreflektierteste Mensch, den ich kannte. Er hat überhaupt nie über sich selber nachgedacht." Wer nicht über sich nachdenkt, kann auch sein eigenes Handeln nicht bewerten. So wartete alle Welt vergeblich darauf, dass Heidegger nach dem Krieg zu seiner zeitweiligen Kooperation mit dem NS-Regime ein selbstkritisches Wort äußern würde. So subtil er die Strukturen des Denkens und der Sprache zu analysieren vermochte, so wenig war er imstande oder willens, zu seiner eigenen Person und seinem eigenen Verhalten Stellung zu nehmen. Damit vermied er es auch, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, z. B. sich für eigene politische Entscheidungen und deren Folgen für andere zu entschuldigen.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob wir, Gadamer folgend, die hier angedeutete Situation aus heutiger Sicht richtig einschätzen. Was würde einen reflektierten Menschen ausmachen? Das lässt sich im psychodynamisehen Konzept recht gut beschreiben. Dieser würde sich im Nachdenken nicht nur mit den Dingen der Welt und ihren Erklärungen beschäftigen, sondern bei Gelegenheit mithilfe seines beobachtenden Ichs auch sein emotional bewegtes Selbst zur Kenntnis nehmen. Damit sein Ich das Selbst verstehen kann, benötigt es die Fähigkeit, die innerseelischen affektiven Vorgänge zu registrieren und in Worte zu fassen. Im ersten Schritt könnte er erfassen, dass er gefühlsmäßig beteiligt und berührt ist. Im zweiten Schritt gälte es, die Qualität der Empfindungen in Worte zu fassen: "In mir regt sich Furcht oder Enttäuschung oder Hoffnung oder Freude oder Ärger." Damit beginnt er die Situation zu verstehen und es tauchen Vorstellungen auf, wie er zweckmäßig auf sie reagieren könnte. Jeder Affekt schafft bezogen auf die äußere Situation, die nun innerlich reflektiert wird, eine propositionale Struktur, ein Handlungsschema bezogen auf die äußeren Objekte. Zugleich werden Erinnerungen wach an vorausgegangene Erfahrungen und es werden die darauf gegründeten Überzeugungen spürbar. Die Beziehung zwischen dem Ich und den äußeren Objekten kann auf diese Weise innerseelisch durchgespielt werden, als emotionale Erfahrung, als Erinnerung an Früheres, als Handlungsentwurf für zweckmäßiges Reagieren und alles dies in Bezug auf bereits vorhandene Überzeugungen und verinnerlichte Regeln und Normen. Dieses selbstreflexive Geschehen ist weniger aktives Tun als vielmehr Gewahrwerden der Vorgänge in einem "seelischen Binnenraum".

Es ist dies ein Denken, das nicht die Dinge der Welt, sondern die eigene Person zum Gegenstand nimmt. Wahrnehmen kann man das eigene Bild im Spiegel oder auf einem Foto, für das eigene Innen gibt es jedoch keine eigentlichen Sinnesorgane, sodass der Begriff Selbstwahrnehmung fraglich ist, worauf Bennen und Hacker (2010) hinweisen. Was als Selbstwahrnehmung bezeichnet wird, ist ein Gewahrwerden, Sich-bewusst-Machen von psychischen Zuständen und Abläufen, z. B. von Emotionen, Einfällen, Fantasien, Erinnerungen, Wünschen, Gedanken etc. Ein Mensch kann seinen bewussten Aufmerksamkeitsfokus auf sein Inneres ausrichten, sich dessen bewusst werden und sich dann darüber Gedanken machen, was in ihm abläuft und was das mit seinem selbst zu tun hat.

aus: Gerd Rudolf, Wie Menschen sind (Schattauer, 2015, S. 87f.)

siehe auch:
Link zum Aufsatz »Strukturbezogene Psychotherapie« von Prof. Rudolf in dem Buch von Cierpka und Rudolf »Die Struktur der Persönlichkeit«